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Studieren mit ADHS und Depression

Inhalt: Studienalltag, Studienorganisation, Bedarfe, Strategien, Handlungsaufforderung.

Das Transkript wurde auf Grundlage von Interviewaufnahmen erstellt. Zur besseren Verständlichkeit wurde der Text sprachlich angepasst und geglättet. Dieser wurde dann von den beteiligten Studierenden geprüft und freigegeben.

 Zu Beginn: Was gefällt Dir besonders am Studium an der Universität Bielefeld?

Dass man sich so ausprobieren kann. Durch meinen interdisziplinären Studiengang kann ich beispielsweise Kurse in der Erziehungs-, Geschichts- oder Literaturwissenschaft kennenlernen und so meinen Horizont erweitern. Das ist vor allem deshalb so super, da es mir schwerfällt, mich thematisch festzulegen, und ich kann mein vielseitiges Interesse voll ausleben. Außerdem gibt es den Druck nicht Prüfungen beim ersten Mal bestehen zu müssen.

Magst Du etwas über Deinen Studienalltag erzählen?

Ich habe den Eindruck, dass ich gar keinen richtigen Studienalltag habe. Dadurch, dass ich momentan wenig bis keine Seminare habe, sieht bei mir jede Woche anders aus. Hinzu kommen unregelmäßige Termine durch ehrenamtliche Arbeit, meinen Job oder auch Besuche bei Ärzt*innen und Therapeut*innen. Daher habe ich auch den Eindruck, dass wenn ich mich so richtig in Studienalltag und Seminare eingefunden habe, bereits wieder die vorlesungsfreie Zeit beginnt. Dann werde ich halt wieder so rausgeschmissen.

Würdest Du sagen, dass dieses längere Einfinden auch etwas mit dem ADHS und der Depression zu tun hat? 

Ja, das steht zu 100%100 % im Zusammenhang. Es ist so, dass ich relativ lange brauche, um mich wirklich in Kurse einfinden zu können. Hierbei spielen dann Faktoren wie das Durchsteigen mit den Räumen oder auch die Sitzplatzwahl – ich muss beispielsweise darauf achten, dass ich wegen meiner Migräne an einem Platz ohne krasse Sonneneinstrahlung sitze – eine Rolle. Hauptsächlich geht es mir jedoch um die Menschen:

  • „Kennen sich bereits alle?“
  • „Gibt es im Kurs Gruppenarbeiten beziehungsweise Gruppenleistungen?“
  • „Wird erwartet, dass ich mich mit anderen „connecte“?“
  • „Wie ist die dozierende Person?“
  • „Gibt es Abgabefristen, die nicht verschoben werden können?“

Erfährst Du in Deinem Studienalltag diesbezüglich auch Vorurteile?

Nicht direkt, weil ich auch nicht mit jeder*jedem offen darüber rede, wie es bei mir aussieht. Ich versuche schon häufig in vielen Seminaren eine Rolle einzunehmen. Als hätte ich alles im Griff, sodass man mir diese Unsicherheit, die ich innerlich eigentlich spüre, nicht ansieht. Dennoch trifft man in manchen Gesprächssituationen, in denen über mentale Gesundheit im Allgemeinen gesprochen wird, auf Vorurteile. In einer Vorlesung habe ich beispielsweise erlebt, dass eine Lehrperson gesagt hat, dass es ja gerade im Trend sei, dass alle Depressionen haben. Natürlich fühle ich mich von so einer Aussage total wenig gesehen, herabgewürdigt und nicht ernst genommen. Und genau das ist ein sehr präsentes Gefühl, was mich im Uni-Alltag und generell im Leben begleitet – so dieses nicht ernst genommen werden.  Auch in Bezug auf ADHS merke ich häufig im Gespräch mit anderen, dass wenn ich ernsthaft mal darüber rede, häufig Sätze fallen, wie: Das kenne ich auch. Ich meinemeine, das kann einerseits cool und vielleicht auch ein Ausdruck von Mitgefühl sein, aber gleichzeitig wirkt es so: „Ja, das habe ich auch. Das ist nichts Besonderes“. Also als wäre es halt nichts Großes und das finde ich manchmal ein bisschen ärgerlich. Ich fühle mich dann nicht gesehen. Und wenn dann noch gesagt wird, es sei halt ein Trend...Trend -… – also ich würde es halt gerne nicht haben. Ich suche mir das ja nicht aus. 

Wurde von Deinen Kommiliton*innen auf den Kommentar der Lehrperson reagiert? 

Die Aussage wurde stehengelassen. Also ich selbst habe die Vorlesung dann auch nicht mehr besucht. Deswegen weiß ich nicht, wie sich das weiterentwickelt hat. Die Aussage war Grund genug da nicht mehr hinzugehen. Da fühle ich mich dann halt nicht so sicher.

Gibt es neben dem Genannten noch andere Herausforderungen oder Schwierigkeiten, die Dich in Deinem Studium begleiten? Beispielsweise im Aufbau des Studiums?

Das mag jetzt überraschend klingen, aber ich finde den Aufbau des Studiums zu locker. Ich kann mich halt nicht so gut selbst strukturieren. Wenn ich dann Druck von außen habe, beispielsweise durch feste Abgabefristen, geht das. Dann kann ich viel besser damit umgehen. Selbst hingegen kann ich mich nicht motivieren. Das mit der fehlenden Anwesenheitspflicht ist auch so eine Sache. Ich brauche halt manchmal diesen Tritt in den Hintern, damit ich wirklich etwas mache und genau das ist für mich auch der große Unterschied zur Schule. Die Schulzeit war jetzt auch nicht die allerschönste, aber da kam ich gut klar. Dadurch, dass alles fest vorgegeben war, habe ich weniger Barrieren gemerkt. Jede Woche war relativ gleich strukturiert. Ich wusste, was von mir erwartet wird und ich konnte mich in dieses System einfügen. Das hat für mich gut funktioniert. Hier an der Uni ist es für mich persönlich zu frei. Also für andere finde ich das total gut, dass die sich selbst strukturieren können. Aber ich bin da halt nicht so der Mensch für und das ist eine große Schwäche, die ich halt leider auch nicht so ganz auffangen kann.

Nutzt Du denn strukturierende Angebote wie zum Beispiel die Schreibwoche?

Ich nehme es mir immer wieder vor jedoch klappt es dann doch nicht, weil ich zu verplant bin. Also im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe dann irgendwie immer Termine oder sonst etwas. 

Gibt es denn andere Unterstützungsformate, die Du in Anspruch nimmst oder Dir vornimmst in Anspruch zu nehmen?

Also ich besuche häufiger mal diese „SKILLS-Workshops“. Die besuche ich nicht immer konkret wegen der Hausarbeiten, sondern manchmal auch um Studierende außerhalb von Seminaren kennenzulernen oder einfach um mich zu überwinden. Die Tatsache, dass ich in eine neue Situation komme, bei der ich nicht weiß, inwiefern ich performen muss und was von mir verlangt wird - muss ich durchgehend konzentriert sein? muss ich unauffällig sein? redselig? professionell? - macht es zu einer Herausforderung. Ich weiß im Vorhinein nicht, wie ich mich „masken“ muss – also inwiefern ich sicherer wäre, wenn ich manche meiner Verhaltensweisen, Symptome oder auch Persönlichkeitsmerkmale überdecke – beispielsweise durch das Rumspielen mit Gegenständen, durch das Wippen mit den Füßen, Stottern oder Wortfindungsstörungen. Ich weiß halt nie, wie schlimm manche Symptome bei mir sein werden und das macht es zu einer Überwindung.
Sonstige Unterstützungsformate gezielt für die Uni besuche ich gar nicht so viel. Es ist eher so, dass ich Beratungsangebote gern mal annehme. Die befassen sich aber generell mit Themen rund um Psyche und „wie gehe ich damit um“? 

Würdest Du Dir denn mehr Unterstützungsformate in Bezug auf die Studiumsstrukturierung wünschen?

Andere Angebote fände ich schon gut. Also ich muss sagen, dass mir seit Jahren immer wieder diese Pomodoro-Technik gezeigt wird. Eine Methode zum Zeitmanagement: 25 Minuten arbeiten, 5 Minuten Pause. Und das funktioniert halt für mich nicht.
Weiteres Beispiel ist „Der andere Kalender“. Vor ungefähr 5 Jahren hatte ich mal ein ganzes Seminar zu dem Thema Studienstrukturierung. An sich finde ich das cool aber es funktioniert für mich nicht, da ich mich am Ende trotzdem selbst strukturieren muss. Ein Druck von außen ist schlussendlich trotzdem nicht da. Ich habe halt den Eindruck, dass sich solche Angebote vor allem an Studierende richten, die sich eigentlich schon ganz gut strukturieren können, aber gerne neue Methoden kennenlernen wollen und eher weniger an Menschen wie mich, die damit wirklich Probleme haben sich selbst zu strukturieren.

Was genau würdest Du Dir von solchen Unterstützungsprogrammen wünschen? Wie würdest Du sowas gestalten? 

Ich würde es generell erstmal sehr offen gestalten. Ich glaubeglaube, es wäre cool, wenn man sich selbst erstmal damit beschäftigen könnte, was für ein Lerntyp man ist. Ich habe den Eindruck, dass immer von einem allgemeinen Lerntyp ausgegangen wird. Außerdem ist die Vorstellung von „9 to 5“, also 8 Stunden arbeiten, noch immer sehr verankert. Das klappt für mich halt überhaupt nicht. Es ist mir nicht möglich, mich 8 Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten, immer zur gleichen Zeit mit selbst festgelegten Zielen. Wenn kein Druck von außen kommt, fällt es mir ohnehin schwer ins Arbeiten zu kommen. Vor allem aber ist das Problem, einfach mal auf Knopfdruck sagen zu können: So, jetzt arbeite ich konzentriert. Bei mir ist das tagesabhängig und ganz individuell. Daher würde ich mir von solchen Angeboten erstmal wünschen, dass offen herangegangen wird und man herausfindet:

  • „Wie ticken die Studierenden eigentlich?“
  • „Wann können sie gut arbeiten?“
  • „Unter welchen Bedingungen?“
  • „Wie muss der Arbeitsplatz strukturiert sein?“

Manchmal müssen ja bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, damit man wirklich arbeiten kann.

Was sind solche Voraussetzungen denn für Dich?

Wenn beispielsweise ein Raum zu hell ist, kann ich nicht arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass solche Faktoren gar nicht berücksichtigt werden. Es sollte also in einem Schritt herausgefunden werden: „Welcher Lerntyp bist du? Was brauchst du? Und dann kann man halt gucken, welche Methoden es gibt - such dir etwas aus“. Es sollte nicht nur eine Methode vorgestellt werden, sondern am besten gleich ein ganzer Methodenkoffer aus dem man auswählen und mit dem man experimentieren kann. Hierbei ist dann auch ausreichend Zeit wichtig, um sich austesten zu können.

Mich würde noch interessieren, ob Du Blockseminare hilfreicher findest als über das Semester verteilte Seminare?

Ja, weil ich die Blockseminare immer als verpflichtender empfunden habe. Man hat diesen Tag einfach gebündelt. Das ist zwar manchmal echt viel, aber es nimmt einen mehr in die Pflicht. Ist man einen ganzen Tag nicht anwesend, hat man relativ viel verpasst. Dennoch finde ich, dass es ein bisschen auf das Blockseminar ankommt. Wenn das Blockseminar schlussendlich so sechs, sieben Stunden geht und dann nur eine kurze Pause dazwischen eingelegt wird, merke ich schon, dass mir das einfach zu lang ist. Der Vorteil ist aber, dass man am Ende des Tages wirklich auf das Gelernte zurückblicken kann. Das Gefühl, dass man möglicherweise mehr geschafft, mehr erarbeitet hat und das motiviert dann gleichzeitig, am nächsten Tag oder Wochenende wiederzukommen. Mir hilft es, schneller Ergebnisse zu sehen und das finde ich zum Beispiel in normalen Seminaren anstrengender.

Eine grundlegendere Frage: Hat Dich die depressive Erkrankung oder auch die ADHS bei der Wahl deines Studiengangs oder -ortes beeinflusst?

Als ich mich für den Bachelor-StudiengangBachelorstudiengang entschieden habe, hatte ich noch keine Diagnose und da war halt alles noch irgendwie in Ordnung. Das kam erst während des Masters und vor allem auch während der Pandemie, dass ich mich stärker mit Depressionen und ADHS auseinandergesetzt habe. In meinem derzeitigen Studium geht es sehr viel um die Themen soziale Ungerechtigkeiten und um unterschiedliche Diskriminierungsformen - so, wie ich sie zum Teil auch selbst erlebt habe. Mir wurde es unter anderem dann irgendwie auch zu einem Bedürfnis, da auf einer theoretischen Ebene herangehen zu können und Wissen zu erwerben, sodass ich vielleicht dazu beitragen kann, dass irgendwann weniger diskriminiert wird. Dass sich einfach auch für Menschen wie mich Strukturen verbessern. Das war meine Motivation mein Masterstudium in jene Richtung zu lenken.

Du hattest zuvor gewisse Herausforderungen erwähnt, die Dir während des Studiums bzw. während des Semesters begegnen. Hast Du irgendwelche Strategien entwickelt, um mit diesen umgehen zu können?

Generell versuche ich mir relativ viele Rückzugsorte oder Inseln zu schaffen. Beispielsweise bin ich Teil einer Selbsthilfegruppe und es hilft zu wissen, dass ich einmal die Woche um eine bestimmte Uhrzeit die Selbsthilfegruppe habe, zu der ich gehen und mit der ich mich vielleicht auch über Probleme austauschen kann. Ich bin gleichzeitig in Therapie, sodass ich das halt auch da immer wieder thematisieren kann. Zusätzlich wirke ich beim Studienstart BarrierefreiBarrierefrei“ mit, einer Gruppe in der ich mich nicht verstellen muss. Da kann ich halt so sein, wie ich bin. Ich kann die Maske ablegen. Ich darf weinen, ich darf wütend sein, was auch immer. Ich darf rumzappeln oder irgendwie anders stimmen - wenn man das so nennen möchte. Und das sind einfach Inseln, die ich am Tag auch einbauen muss. Ein sehr großer Skill, der aber auch nicht immer gut ist, ist Kaffee. Das klingt halt super banal aber gerade, wenn ich merkemerke, meine Konzentration lässt wirklich radikal nach hilft mir Kaffee nochmal kurz einen Schub zu bekommen. Danach kann es zwar sein, dass ich unkonzentrierter bin als vorher, aber das trägt mich ein bisschen durch den Tag. Genauso wie Zucker. Das ist zwar nicht gesund, aber das sind einfach kleine Aufputschmittel, die ich brauche. Was mir ansonsten auch hilft - gerade, wenn Seminare neu starten und ich noch nicht weiß, wie viele Menschen insgesamt kommen werden - dass ich als Erste im Raum bin. Dann kann ich mir einen Platz raussuchen, der zu meinen Bedürfnissen passt, wo es beispielsweise nicht zu hell ist oder wo ich den Raum ein bisschen im Blick habe und nicht so auf dem Präsentierteller bin. Das sind einfach Dinge, auf die ich eigentlich jede Woche bei jedem Seminar. Das Wissen, dass ich in einen vollen Kurs komme, fordert mich schon sehr heraus. Die Chance, dass ich dann einfach gar nicht reingehe, ist dann ziemlich hoch. Ansonsten habe ich immer etwas in der Hand, wie beispielsweise einen Kulli. Das ist für mich sehr hilfreich. Das alles sind für mich Möglichkeiten, um nebenher ein bisschen rumspielen zu können, ohne dass ich mich direkt entlarve. Einen Kulli in der Hand zu halten, ist da relativ unauffällig.

Ein Punkt der Studierende beschäftigt, ist die Kommunikation über die eigene Beeinträchtigung, chronische oder psychische Erkrankung gegenüber Lehrenden. Einige entscheiden sich für eine offene Kommunikation - andere versuchen es, wenn möglich, für sich zu behalten. Wie handhabst Du die Kommunikation?

Ich glaube, ich entscheide das eher situativ. Es kommt unter anderem darauf an, wie ich die Lehrperson einschätze und ob ich mich wirklich in einer Notsituation befinde. Das kam bis jetzt zwei Mal vor. Das war einmal in einem Seminar, welches hybrid gestaltet war. Während der Pandemie habe ich nochmal eine schlimme Depression entwickelt und hatte zusätzlich starke soziale Ängste. Als ich dann in diesem Zoom-Meeting sein und die Kamera angeschaltet sein musste, habe ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt.wohlgefühlt. Zusätzlich haben sich alle so hochgestochen ausgedrückt woraufhin das Hochstapler-Syndrom bei mir einsetzte. Das alles hat mich irgendwie so überfordert, dass ich dann häufig das Zoom-Meeting verlassen habe. Im Nachhinein habe ich mich dann immer ziemlich schuldig gefühlt. Irgendwann habe ich mich dann entschlossen der Dozentin zu schreiben. Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich starke soziale Ängste und Panik habe und sobald es geht, versuche wieder anwesend zu sein. Zum Glück wurde sehr positiv darauf reagiert. Ich habe der Lehrperson sowie einer anderen dann auch ziemlich offen geschildert, dass ich Depressionen habe. Das mit dem ADHS hingegen habe ich noch nicht offen angesprochen. Es ging halt immer darum, eine Fristverlängerung anzufragen. Das zieht sich eigentlich schon mein ganzes Studium durch. Zum Glück bin ich diesbezüglich aber immer wieder auch auf viel Verständnis gestoßen. - Zumindest bei der Lehrperson, die ich gefragt habe. 

Die Diagnose „ADHS“ und „Depressionen“ kam bei Dir erst während des Masterstudiums. Mich interessiert, ob Du mit der Diagnose nun einen Unterschied, beispielsweise im Umgang der Lehrperson bezüglich der Frage nach einer Fristverlängerung, erkennst?

Ich kann gar nicht sagen, ob es da Unterschiede gibt. In der Hinsicht war mein Bachelorstudiengang einfacher, weil es viele Klausuren und mündliche Prüfungen mit festen Terminen gab. Nicht so wie bei Hausarbeiten, wo man bezüglich einer Verlängerung der Abgabefrist meist verhandeln kann. In der Vergangenheit habe ich diesen Spielraum auch immer genutzt. Begründet habe ich es damals jedoch noch mit mangelnden zeitlichen Ressourcen oder einem Praktikum. Heutzutage bin ich in solchen Anfragen offener in der Kommunikation beispielsweise über meine Depression. Da sind die Reaktionen dann eigentlich auch immer relativ einfühlsam.

Wie ich heraushören konnte, versuchst Du dennoch die Kommunikation über Deine Depressionen und die ADHS möglichst zu umgehen. Würdest Du Dir eigentlich wünschen, mehr darüber zu sprechen? Oder: Was müssten Lehrende tun, damit Du Dich wohler fühlen würdest, darüber zu kommunizieren?

An sich würde ich das schon gerne offener kommunizieren, während damit gleichzeitig auch Ängste verbunden sind. Ich habe zum Beispiel die Angst, mich damit zu sehr in den Mittelpunkt zu drängen, was ich auf keinen Fall möchte. Ich würde mir einfach nur wünschen, dass ein bisschen mehr Rücksicht genommen wird. Ich habe den Eindruck, dass wenn ich darüber nicht kommuniziere, viele Menschen denken; ich sei komisch. So habe ich das bereits in der Schulzeit wahrgenommen. Dadurch, dass ich dachte mich würden andere Menschen komisch finden, war ich irgendwann selbst davon überzeugt. Erst durch die Diagnose hatte ich ein bisschen mehr Verständnis und Mitgefühl für mich selbst. Von den Lehrenden wünsche ich mir, sich ein bisschen nahbarer zu zeigen. Bei einigen Lehrenden merkt man deutlich, wie sehr die Universität von Hierarchien geprägt ist und das schüchtert mich sehr ein. Mir fehlt manchmal das Zwischenmenschliche, das Lockere. Beispielsweise finde ich Seminare sehr positiv, in denen sich die dozierende Person einmal vorstellt oder die Option anbieten, sich zu Duzen. Das schafft einfach Nahbarkeit, die mich selbst auch ermutigen würde, offener von mir zu sprechen. Ich hätte dann einfach das Gefühl, mich mit meinem Gegenüber auf einer Ebene zu befinden.

Gibt es sonst noch etwas, was Du Dir in Bezug auf Lehrgestaltung von Lehrenden wünschst, damit Du besser lernen kannst oder Dich wohler fühlst?

Das können Lehrende wahrscheinlich gar nicht leisten, aber ich finde Erinnerungen hilfreich, die einem mitteilen, bis wann welcher Text gelesen werden muss. Zusätzlich fände ich es super, wenn Folien im Anschluss an das Seminar zur Verfügung gestellt werden würden. Manchmal kommt es vor, dass ich der Sitzung nicht ganz folgen kann, da ich mit meinen Ängsten beschäftigt oder gedanklich woanders bin. In solchen Situationen wäre es hilfreich, wenn Inhalte hochgeladen würden. Zusätzlich fände ich es cool, wenn mehr Variation in Sitzung gebracht werden würde. Eine Mischung aus Frontalunterricht und Gruppenarbeiten beispielsweise, damit ein bisschen Dynamik entsteht, man mehr in Bewegung kommt und wach wird. Bei Gruppenarbeiten würde es mir dann aber sehr helfen, wenn Lehrende die Gruppen einteilen. Mich fordert es immer sehr heraus, wenn ich in Kursen sitze, in denen ich niemanden kenne und dann eine Gruppe finden muss. Ich fühle mich dann meist, als würde ich mich irgendwo dazu drängeln. Da wäre es dann super hilfreich, wenn die Lehrperson dazu beiträgt, dass alle mal miteinander arbeiten. Ein weiterer hilfreichehilfreicher Punkt wäre häufigeres Lüften. 

Du hast zuvor erwähnt, dass Dir Struktur und Organisation weiterhelfen. Inwiefern hilft Dir dabei der Online-Lernraum?

Ich würde es gut finden, wenn nicht zu Beginn des Seminars eine lange Liste mit Sitzungsinhalten und Literatur herausgegeben werden würde, sondern wenn Sitzung für Sitzung die konkreten Anforderungen formuliert sind. Das wäre nicht zu viel und würde nicht überfordern. Man kann sich nicht so schnell vertun.

Könntest Du nun einmal folgende Lücken in dem Satz: „Viele Menschen denken, dass ... und denen wollte ich schon immer sagen ...“ ausfüllen?

Ich könnte da jetzt irgendwie mehrere Sachen einfügen...einfügen …

Viele Menschen denken, dass ADHS und Depressionen ein Trend sind und dass es cool sei, neurodivergent zu sein. Denen wollte ich schon immer sagen, dass es halt auch mit Hürden und Leid verbunden ist. Dass es eben nicht cool ist, weil es mit Beeinträchtigungen einhergeht und viele Menschen, diese überhaupt nicht verstehen können. Es geht mir halt sehr auf die Nerven, dassdas einfach so herabzuspielen.

Viele Menschen denken auch, dass ich nichts draufhabe, weil ich länger studiere als andere und deshalb vielleicht auch weniger erfolgreich bin. Und denen wollte ich schon immer sagen, dass jeder Mensch ein eigenes Tempo hat. Nicht jeder Mensch muss in Regelstudienzeit studieren. Nicht jeder Mensch muss einen Auslandsaufenthalt machen. Es gibt unterschiedliche Lebensentwürfe und es wäre cool, wenn das mehr gelebt werden würde.   

Was würdest Du abschließend Lehrenden mitgeben wollen?

Wie bereits gesagt würde ich mir mehr Nahbarkeit und das Aufbrechen von Hierarchien wünschen. Insbesondere in Anbetracht der investierten Arbeit ist es den Lehrenden total gegönnt, eine hohe Position zu besetzen, aber dennoch sind wir alle Menschen. Wir alle sind Teil der Uni. Gerade deswegen bin ich der Ansicht, dass Hierarchien aufgeweicht werden sollten und vielleicht eine kleine pädagogische Komponente durchkommen. 

Gibt es abschließend noch etwas, was Du gerne erwähnen möchtest?

Was mir abschließend einfällt ist, dass viele Menschen ein recht starres Bild von ADHS haben. Ich habe den Eindruck, dass viele damit erstmal zappelige Jungs verbinden. Doch sowohl Mädchen und Frauen als auch Erwachsene sind betroffen. Außerdem wird mit ADHS immer etwas sehr Extrovertiertes verbunden - was Lautes, was Störendes. Aber es gibt halt auch Formen von ADHS, die eben eher das Gegenteil verursachen. Dass dieses Laute, was manche nach außen tragen können, vielleicht eher im Inneren stattfindet. So geht es mir häufig. Manchmal habe ich so viele Gedanken, dass ich gar nicht mehr richtig sprechen kann. Meine Gedanken sind manchmal so durcheinander, so laut und viel, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll. Da würde ich mir wünschen, dass dieses BildBild, was viele von ADHS haben, korrigiert wird. Dass man weiß, dieses Aufmerksamkeitsdefizit kann sich je nach Person unterschiedlich äußern. Manche sind halt laut und manche sind eher leise. Trotzdem habe ich nicht weniger ADHS als die Menschen, die laut sind.

Der Unglaube darüber, dass ich ADHS habe, ist auch eine Sache, die mir häufig begegnet. Nur, weil ich keine „typische ADHSlerin“ bin. Aber da frage ich mich: „Was ist denn typisch?“ Vielleicht müssen wir dieses Denken überarbeiten. Wir sollten das, was wir bisher über diese Erkrankung/Behinderung wissen, anpassen. Wir sollten mehr mit Menschen sprechen und dieses Schubladendenken auch einfach aufbrechen.

Und jetzt nochmal an die Lehrenden gerichtet: Ich würde mir wünschen, dass Lehrende einen einfach mehr ermutigen und würdigen würden, was man so leistet. Ein bisschen mehr Bestärkung, ein bisschen mehr Zuspruch. Ich würde mir wünschen, dass Lehrende sich Zeit nehmen - beispielsweise auch für Hausarbeiten. Dass man überhaupt eine Rückmeldung bekommt, das ist ja auch nicht selbstverständlich, und nicht ausschließlich die Note. Man investiert so viel Zeit als Studierende*r und erhält manchmal nicht einmal eine Mail. Da würde ich mir ein bisschen Wertschätzung wünschen. Oder auch dieses Runterreden, wie „Masterstudierende gibt es wie Sand am Meer“. Sowas möchte ich nicht hören. Ich erhoffe mir einfach, dass Dozierende berücksichtigen, dass Studierende viel leisten - neben dem Studium noch arbeiten gehen, eine Therapie machen - oder beides. Ich wünsche mir, dass man ein menschliches, nahbares Umfeld schafft, in dem Menschen aufeinander Acht geben.

Vielen Dank!