6. Soziales Modell
Inhalt: Beeinträchtigung vs. Behinderung, Ursprung und Entstehung, Berücksichtigung von äußeren Faktoren, Kritik an fortbestehender Defizitorientierung
Das soziale Modell unterscheidet klar zwischen Beeinträchtigung und Behinderung. Während Beeinträchtigungen als individuelle körperliche oder psychische Merkmale verstanden werden, entsteht Behinderung erst aufgrund gesellschaftlicher Barrieren - etwa durch bauliche, kommunikative oder organisatorische Ausschlüsse (Hirschberg, 2022, S. 97f.). Es kann als Gegenmodell zum individuellen/medizinischen Modell bezeichnet werden.
Entwickelt wurde das soziale Modell in den 1970er Jahren in der britischen Behindertenbewegung. Es gilt als zentrales Fundament der Disability Studies, da es die Verantwortung für Behinderung explizit bei gesellschaftlichen Strukturen verortet. Hier steht nicht die Beeinträchtigung im Fokus, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen und physischen Barrieren, die Inklusion verhindern. Im sozialen Modell wird Behinderung anders verstanden als in individuellen oder medizinischen Ansätzen. Sie gilt nicht als persönliches Leiden oder als Störung einer einzelnen Person, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen und Bedingungen. Vertreter*innen dieses Modells gehen davon aus, dass Behinderung dort entsteht, wo soziale Verhältnisse, institutionelle Regelungen und Umweltbedingungen Menschen systematisch benachteiligen oder ausschließen (Hirschberg, 2022, S. 98).
Kritisch am sozialen Modell anzumerken ist, dass es Behinderung weiterhin als ein Problem begreift, das behoben werden müsse. Auch wenn sich der Blick von individuellen Ursachen hin zu gesellschaftlichen Bedingungen verschiebt, bleibt die grundlegende Annahme bestehen, dass Behinderung etwas Störendes sei, das entweder durch Anpassung der einzelnen Person oder durch Veränderungen sozialer Strukturen „gelöst“ werden müsse. In diesem Sinne teilen sowohl das individuelle als auch das soziale Modell ein defizitorientiertes Grundverständnis, da Behinderung in beiden Ansätzen als etwas gilt, das eigentlich nicht vorhanden sein sollte (Egen & Waldhoff, 2023, S. 194).