Studieren mit Behinderung
Inhalt: Studierendenzahlen in Deutschland und an der Universität Bielefeld
Die aktuellen Zahlen aus den Jahren 2023 (Deutschland) sowie 2024/2025 (Universität Bielefeld) zu Studierenden mit Beeinträchtigung, chronischer oder psychischer Erkrankung zeigen, wie wichtig es ist, Hochschulen inklusiv zu gestalten und zu leben.
„Eine gleichberechtigte gesellschaftliche und Bildungsteilhabe ist […] immer auch ein zentraler Indikator für das Ausmaß an Chancengerechtigkeit in einer demokratischen Gesellschaft“ (Steinkühler et al., 2023, S. 12).
Eine zentrale Grundlage zur Darstellung der Daten ist die bundesweite und im Jahr 2023 veröffentlichte best3-Studie in Deutschland. Hierzu wurden insgesamt 188.000 Studierende an deutschen Hochschulen bezüglich ihrer „Lebens- und Studiensituation“ (Steinkühler et al., 2023, S. 4) befragt – darunter knapp 30.000 Studierende mit sogenannter studienerschwerender Beeinträchtigung. Nach den Erhebungen in den Jahren 2011 und 2017 ist die best3 die dritte repräsentative Befragung zu diesem Thema in Deutschland.
Zentrale Ergebnisse
Rund 16 % aller Studierenden in Deutschland geben an, mindestens eine studienerschwerende Beeinträchtigung zu haben (Steinkühler et al., 2023, S. 5).
Von den Betroffenen nennen etwa 65 % eine psychische Erkrankung als Hauptursache. Etwa 13 % berichten über eine chronische Beeinträchtigung wie beispielsweise Rheuma. Weitere 7,2 % haben eine gleich schwere Mehrfachbeeinträchtigung, 5,1 % eine andere Beeinträchtigung. Zusätzlich geben zwischen 1 und 4 % an, von einer Teilleistungsstörung, einer Bewegungs-, Seh- oder Hörbeeinträchtigung betroffen zu sein.
Viele Studierende sind zudem nicht nur von einer, sondern von mehreren Beeinträchtigungen betroffen. 69 % der Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung berichten von einer einzelnen Beeinträchtigung, während 31 % Mehrfachbeeinträchtigungen angeben.
Mit deutlichem Abstand wird eine psychische Erkrankung am häufigsten als studienerschwerende Beeinträchtigung angegeben.
Abb. 1: Aufgrund von Rundungsdifferenzen kann die Summe der Werte von 100 % abweichen, Basis: Studierende mit studienerschwerender Beeinträchtigung, eigene Darstellungsart.
Studierende mit Beeinträchtigung, chronischer oder psychischer Erkrankung an der Universität Bielefeld
Die Studierendenbefragung im Wintersemester 2024/2025 der Universität Bielefeld hat wiederum ergeben, dass 27,9 % der Studierenden mindestens eine Beeinträchtigung, chronische oder psychische Erkrankung hat. Damit liegt die Universität Bielefeld deutlich über dem landesweiten Durchschnitt. Auch hier gibt ein Großteil aller Studierenden eine psychische Beeinträchtigung oder Erkrankung an (16,1 %). Fast gleichauf berichten etwa 8 % von einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts- und/oder Entwicklungsstörung wie beispielsweise der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) sowie einer chronisch/somatischen Erkrankung. Zwischen 1,4 und 1,1 % gaben an, von einer Sehbeeinträchtigung, Blindheit, Mobilitäts- beziehungsweise Bewegungsbeeinträchtigung oder Teilleistungsstörung wie Legasthenie oder Dyskalkulie betroffen zu sein. Weitere 0,6 und 0,5 % haben eine Hörbeeinträchtigung, sind gehörlos oder haben eine Sprach- beziehungsweise Sprechbeeinträchtigung. Die restlichen 3,4 % ordneten sich „Sonstige“ zu.
Unter den Studierenden mit Beeinträchtigung, chronischer oder psychischer Erkrankung sind psychische Beeinträchtigungen oder Erkrankungen am häufigsten vertreten.
Abb. 2: Mehrfachantworten möglich, Basis: alle Befragten, eigene Darstellungsart.
Wahrnehmbarkeit einer Beeinträchtigung
Bezogen auf die Sichtbarkeit wird deutlich, dass bei 56 % der Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung in Deutschland diese dauerhaft von außen nicht erkennbar ist. Bei 41 % der Betroffenen zeigt sich die Beeinträchtigung erst nach einiger Zeit und bei nur 3 % ist sie schon beim ersten Kontakt offensichtlich.
Beeinträchtigungsbezogene Unterstützungsbedarfe
27 % der Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung gaben an, dass sie – neben Anforderungen an Ausstattung und Bau der Hochschule – unterschiedliche Formen von Unterstützung benötigen. Dazu zählen zum Beispiel Rückzugs- und Ruheräume (14,9 %) oder mehr E-Learning-Angebote (11 %).
Der Bedarf an Unterstützungsmaßnahmen unterscheidet sich je nach Art der Beeinträchtigung: Während Barrierefreiheit in Bau am häufigsten von Studierenden mit Bewegungsbeeinträchtigung benötigt wird (12,2 %), sind Studierende mit Sehbeeinträchtigung auf jeweilige Ausstattung wie beispielsweise Großbildschirme angewiesen (15,8 %). Studierende mit Hörbeeinträchtigung wünschen sich vor allem störungsarme Bedingungen bei Sicht, Akustik und Belüftung (40,3 %). Trotz alledem berichten bedauerlicherweise viele Studierende, dass ihre Bedürfnisse bisher nur selten zufriedenstellend umgesetzt werden.
Auswirkungen auf das Studium
Es ist wenig überraschend, dass Beeinträchtigungen erhebliche Auswirkungen auf das Studium haben können. 92 % der betroffenen Studierenden berichten über Schwierigkeiten in mindestens einem der folgenden Bereiche:
- Studienorganisation (etwa 78 %)
- Lehre und Lernen (74 %)
- Prüfungen und Leistungsnachweise sowie Lehre und Lernen (74 %)
Hierbei empfinden 59 % der Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung die aufgelisteten Auswirkungen auf ihr Studium als „(sehr) stark[ ]“. Besonders hoch ist dieser Anteil bei Studierenden mit einer „gleich schweren Mehrfachbeeinträchtigung“ (72,5 %) oder mit psychischen Erkrankungen (66,1 %)(Steinkühler et al., 2023, S. 5). Im Vergleich zu Studierenden ohne studienerschwerende Beeinträchtigung kommt es bei Betroffenen häufiger zu Unterbrechungen, einem Studiengangs- oder Hochschulwechsel.
Auch im sozialen Miteinander zeigen sich Unterschiede: Studierende mit studienerschwerender Beeinträchtigung (59 %) haben seltener Kontakt zu ihren Kommiliton*innen als Studierende ohne entsprechende Beeinträchtigungen.
Erfahren von Diskriminierung
Diskriminierung ist für viele Studierende mit Beeinträchtigung, chronischer oder psychischer Erkrankung Realität im Studienalltag. Rund 73 % berichten von Erfahrungen wie Abwertung, fehlendem Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit, Ausgrenzung, stereotypen oder herabwürdigenden Reaktionen oder sogar Auslachen.
Beratungsbedarf
Für 96 % der Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung besteht ein Beratungs- und Informationsbedarf zu den Themen:
- Finanzierung (48,9 %)
- studienbezogene Fragen (87,8 %)
- persönliche Anliegen (87,8 %)
Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass mehr als die Hälfte der Studierenden mit studienerschwerender Beeinträchtigung (58,7 %) in Bezug auf Prüfungssituationen keinen Antrag auf Nachteilsausgleich oder individuelle Anpassungen gestellt hat, weil sie sich aus ihrer Perspektive nicht „beeinträchtigt genug“ fühlen. Fast 57 % sind verunsichert, ob sie einen Anspruch haben oder ihr Antrag überhaupt Aussicht auf Erfolg hätte. Insgesamt haben nur rund 21 % entsprechende Anträge oder individuelle Anpassungen beantragt.
Die Zahlen machen deutlich, dass viele Studierende mit Beeinträchtigung, chronischer oder psychischer Erkrankung im Studium vor vielen Herausforderungen stehen.
Als Lehrende*r haben Sie die Möglichkeit, aktiv Veränderungen anzustoßen um zu mehr Chancengleichheit an Ihrer Hochschule beizutragen. Durch das bewusste Wahrnehmen der Studienrealitäten betroffener Studierender, können Sie deren individuellen Herausforderungen und Bedarfe verstehen, berücksichtigen sowie nachhaltig verbessern. Bereits kleine Anpassungen in der Lehre oder im Umgang können große Unterschiede machen.