Studieren im Autismus Spektrum
Inhalt: Studienalltag, Hürden, Bedarfe, Strategien, Handlungsaufforderung.
Das Transkript wurde auf Grundlage von Interviewaufnahmen erstellt. Zur besseren Verständlichkeit wurde der Text sprachlich angepasst und geglättet. Dieser wurde dann von den beteiligten Studierenden geprüft und freigegeben. Die Inhalte spiegeln die Eindrücke und Erfahrungen der Studierenden
Was gefällt Dir besonders am Studium an der Universität Bielefeld?
Ich mag, dass alles auf einem Campus ist. Ich habe im Bachelor zwei Fächer studiert und ich glaube, es hätte mich sehr gestresst, wenn ich [beispielsweise in Münster studiert hätte und] einmal durch die halbe Stadt gemusst hätte. Außerdem finde ich, dass es sehr viele Angebote außerhalb des Studiums gibt, wie beispielsweise die Vernetzungsgruppe „Im Spektrum“ oder auch den Hochschulsport. Im Hinblick auf das Studium mag ich, dass es viele junge Lehrende (in meinem Studiengang) gibt und die Lehre generell sehr interessant gestaltet ist.
Magst Du etwas über Deinen Studienalltag mit Autismus erzählen?
Zu Beginn meines Bachelorstudiums – ich habe insgesamt acht Semester im Bachelor studiert und bin nun im Master – habe ich die Belastung noch nicht so bemerkt. Zu der Zeit fand noch alles online statt und ich musste zum Studieren mein Wohnzimmer nicht verlassen. Als es dann aber mit gleichem Workload wieder in Präsenz losging, habe ich gemerkt, wie abenteuerlich und anstrengend das für mich ist, mit so vielen Menschen. Mir wurde bewusst, dass ich mich überhaupt nicht so lange konzentrieren konnte – im Sitzen und im Seminarraum oder in der Vorlesung. Während ich zuhause die Pausen zwischen den Veranstaltungen genutzt habe, um mich aufs Sofa zu legen und auszuruhen, muss ich vor Ort zu den verschiedenen Räumen laufen und gucken, dass ich zwischendurch noch was esse und zur Toilette gehen kann. Meistens habe ich somit keine Zeit mehr, um mich irgendwie ein bisschen auszuruhen, was dazu führt, dass ich maximal zwei Veranstaltungen am Tag besuchen kann. Es überrascht also nicht, dass ich deutlich langsamer studiere als andere Leute.
Ich bin einfach sehr schnell erschöpft von allen Sachen, die ich mache. Das Pensum an Inhalten, die man lernen oder Texte, die man lesen muss, ist für mich mit dem wöchentlichen Seminarbesuch meist nicht vereinbar.
Verlässt Du Seminare, sobald Du merkst, dass Du Dich nicht mehr konzentrieren kannst?
Irgendwann schalte ich innerlich einfach ab. Aber die Veranstaltung verlassen, das kann ich nicht – obwohl ich das gerne tun würde.
Könnten Lehrende etwas tun, damit Du Dich wohler fühlen würdest, einfach gehen zu können?
Manchmal verlassen Kommilitonen den Raum früher, aber das ist schon immer sehr auffällig. Ich habe dann das Gefühl, dass manche Lehrende sehr genervt reagieren. Angesichts dessen, dass ich Prüfungsleistungen absolvieren muss, möchte ich nicht regelmäßig das Seminar verlassen. Oft besuche ich auch kleinere Seminare, wo die Lehrenden einen dann auch persönlich kennen. Ich hätte die Befürchtung, dass die Lehrperson dann schlecht auf mich zu sprechen wäre. Mir würde es daher helfen, wenn (einigen) Lehrenden bewusst ist, dass 90 Minuten sehr lang sind. Häufig habe ich erlebt, dass Lehrende zu Beginn einer Veranstaltung einen Appell an geschlechtergerechte, antirassistische Sprache richten und darauf hinweisen, dass man bei sensiblen Themen den Raum verlassen kann. Ich würde mir wünschen, dass das um die Option erweitert werden würde, dass man, auch wenn man keine Energie mehr hat, gehen kann.
Gibt es weitere Barrieren, die Du während Deines Studiums erfährst?
Aufgrund eines selektiven Mutismus‘ kann ich keine mündlichen Leistungen erbringen, weswegen es manchmal für mich schwierig ist, wenn Lehrende ausschließlich einen mündlichen Leistungsnachweis vorgeben. Bei Studienleistungen ist es für mich nicht so einfach einen Nachteilsausgleich zu beantragen wie bei Prüfungsleistungen. Da wird dann gesagt: „Fragen Sie doch einfach die*den Lehrende*n, ob Sie was anderes machen können.“
Dann muss man sich aber gleich immer outen, von wegen „ich kann das nicht“. Da wird einem dann auch entgegnet: „Ach stellen Sie sich doch nicht so an. Das ist ja nur eine Studienleistung“. Das habe ich bereits häufiger zu hören bekommen.
Entscheidest Du Dich dann die Seminare zu verlassen, da Du die Leistungen nicht erbringen kannst?
Mittlerweile würde ich es machen, aber in der Vergangenheit habe ich es nicht gemacht. Da haben dann entweder die Lehrenden nach längeren Diskussionen nachgegeben oder in einem Seminar gab es dann eine Gruppenarbeit und mein Vortragsanteil bestand aus 5 Minuten. Da dachte ich, dass ich das dann irgendwie machen werde. Schlussendlich hatte ich dann aber das Glück, dass es ausnahmsweise online stattgefunden hat und da war es dann noch ein bisschen einfacher, weil ich halt niemanden sehen musste.
Welche konkreten Bedarfe hast Du im Hinblick auf ein barrierefreies Studium?
Ich kann ja keine mündlichen Leistungen erbringen, weil ich in Stresssituationen selektiven Mutismus habe und bin dann entweder auf einen Nachteilsausgleich angewiesen oder habe manchmal das Glück, dass Lehrende verschiedene Arten der Leistungserbringung anbieten. Ansonsten sind für mich Räume mit fest installierten Tischen und Stühlen schwierig, weil man dementsprechend nah aneinander sitzt. Da bin ich dann meist so gestresst, dass ich nicht mehr zuhören kann. Wenn Lehrende lange Monologe halten, kann ich dem oft nicht gut folgen, wenn das Gesagte nicht durch Visuelles unterstützt wird. Ich kann mir das nicht so lange merken und dann ist mein Speicher quasi schon voll. Was ich oft habe, sind auch sensorische Sachen wie eine zu laute Umgebung. Bei dem heutigen Seminar zum Beispiel wurde nebenan etwas repariert und das war super laut. Da habe ich dann nur noch das Geräusch gehört.
Zusätzlich gibt es insbesondere im Y-Gebäude Räume ohne Fenster, bei denen das Deckenlicht dann super hell ist. Wenn dann auch noch die Wände komplett weiß gestrichen sind, reflektiert das noch mehr. Das ist dann sehr anstrengend für mich sowie, wenn es aufgrund der fehlenden Fenster keine frische Luft gibt.
Vorab hattest Du erwähnt, dass Du Dich aufgrund der Sitzplatzsituation meist beengt fühlst. Hast Du da bereits irgendwelche Strategien entwickelt, damit umzugehen?
Zum Glück hatte ich bis jetzt noch nicht so oft Veranstaltungen in solchen Räumen. Als ich das letzte Mal eine hatte, fand die Lehrende das selbst blöd und hat nach einem Alternativraum gesucht. Sonst habe ich meist versucht mich an den Rand zu setzen, sodass nur eine Person neben mir sitzt. Das klappt dann aber auch nur, wenn ich früh genug vor Ort bin. Sonst bin ich auch häufiger zu den ersten Wochen nicht hingegangen, weil ich dann wusste, dass es im Laufe des Semesters leerer im Raum sein würde.
Du hast ja im Online-Semester mit dem Studium begonnen, und zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahrgenommen, wie sehr Dich das Studium belastet. Würdest Du dennoch sagen, dass Deine Beeinträchtigung die Wahl des Studienortes oder Studiengangs beeinflusst hat?
Auf jeden Fall! Ich komme aus dieser Region und ich konnte mir nicht vorstellen umzuziehen. Daher musste ich mir einen Studiengang suchen, der in OWL angeboten wird.
Hat die Tatsache, dass es sich um eine Campusuniversität handelt, Deine Entscheidung für diese Universität beeinflusst?
Ich habe eine Zeit lang überlegt etwas anderes zu studieren und hätte dann an die TH OWL nach Höxter gemusst. Da wäre es von der Entfernung für mich aber nicht machbar gewesen – die Hochschule hat auch mehrere Standorte. Deswegen hat mich schon überzeugt, dass die Uni Bielefeld eine Campusuni ist.
Zuvor hattest Du erzählt, dass Du bereits Strategien entwickelt hast in Bezug auf die Sitzplatzwahl. Gibt es noch weitere Strategien oder auch Stärken, die Du Dir im Laufe des Studiums angeeignet hast?
Ich organisiere mich tatsächlich sehr stark, damit ich auf vieles vorbereitet bin. Wenn ich zum Beispiel zu Beginn des Semesters nicht weiß, wo ein Raum ist, dann schaue ich vorher schon mal nach. Man kann zusätzlich im eKVV nachsehen wie viele Leute für ein Seminar angemeldet sind und wie viele Plätze der Raum hat. Somit kann ich mich darauf vorbereiten, wie voll es ungefähr sein wird. Ansonsten würde ich sagen, achte ich bei der Auswahl meiner Veranstaltungen darauf, dass ich nicht zu viele auf einmal habe. Diesbezüglich habe ich über die Zeit auch eine bessere Planungskompetenz entwickelt. Jedoch muss ich auch sagen, dass das zu dem Zeitpunkt meines Bachelorstudiums noch etwas schwieriger war, da es für viele Veranstaltungen ein Platzvergabeverfahren gab. Da hatte ich dann keinen Einfluss auf die Anzahl der Veranstaltungen und folglich manchmal vier an einem Tag. Mir war dann von vornherein klar, dass ich das nicht schaffe.
Außerdem habe ich dazugelernt, dass ich Hilfsangebote besser annehmen oder auch gezielter danach suchen kann. So kommt es, dass ich beispielsweise bei der Zentralen Anlaufstelle Barrierefrei (ZAB) die Beratung zum Thema Nachteilsausgleich in Anspruch nehme oder auch bereits bei der ZSB, der Zentralen Studienberatung, war. Einfach, weil es nötig ist und ich die Sachen allein nicht so gut schaffen würde.
Nimmst Du neben den Angeboten der ZSB und ZAB noch weitere in Anspruch? Beispielsweise die Schreibwoche? Oder geht es Dir weniger um die Studien- als um Deine Tagesorganisation?
Beides würde ich sagen. Als die Schreibwoche noch hauptsächlich online stattgefunden hat, habe ich auf jeden Fall mal daran teilgenommen. Aber die Strukturierung meiner Hausarbeiten ist tatsächlich etwas, das ich ganz gut allein hinbekomme.
Einige Lehrende gehen Anfang des Semesters zusammen mit den Studierenden den Seminarverlaufsplan durch. Ist das etwas, was Dir bei der Studienstrukturierung hilft?
Ja, auf jeden Fall! Gerade auch in Bezug auf die Planung von Studien- und Prüfungsleistungen zum Beispiel. Das ermöglicht mir zu Beginn des Semesters zu überlegen, ob ich in dem Modulelement eine Leistung erbringen möchte.
Legst Du gleichen Wert auf die Organisation des eKVV oder Moodle-Kurses?
Tatsächlich. Ich finde den normalen Lernraum ganz furchtbar. Der ist so unübersichtlich. Bei Moodle-Kursen finde ich immer sehr hilfreich, wenn diese nach Themen oder Sitzungen eingeteilt sind. Das ermöglicht einem direkt zu der jeweiligen Sitzung zu springen, um sich Themen nochmal anzuschauen.
Viele Studierende beschäftigt die Frage des Umgangs bezüglich der Kommunikation über die eigene Beeinträchtigung, chronische oder psychische Erkrankung gegenüber den Lehrenden. Wie gehst Du damit um?
Das hat sich in letzter Zeit bei mir ein bisschen verändert. In der Vergangenheit habe ich das Ansprechen möglichst vermieden. Mittlerweile kommuniziere ich das eher gegenüber Kommiliton*innen. Bei Lehrenden hingegen hängt das stark davon ab, wie ich die Person wahrnehme, ob ich das Gefühl habe, der*diejenige kann gut damit umgehen. Bis jetzt hatte ich da auch noch keine Situation, in der ich meine Beeinträchtigung hätte kommunizieren müssen.
Wie können Lehrende dazu beitragen, damit Du Dich wohlfühlst Deine Beeinträchtigung zu kommunizieren, wenn es notwendig ist?
Einfach genauso wie mit dem Angebot, dass man das Seminar bei Bedarf verlassen kann. Ein Hinweis in der Einführungsveranstaltung würde reichen. Bis jetzt habe ich das nur einmal erlebt, dass eine Dozentin offene Gespräche über Anliegen der Studierenden – wie Elternschaft oder eine Erkrankung – angeboten hat. Das schafft dann einen einladenden, vertrauensvollen und offenen Raum der Kommunikation.
Könntest Du den folgenden Satz: „Viele Menschen denken, dass … und denen wollte ich schon immer sagen …“ beenden?
Viele Menschen denken, dass ich kein Interesse daran habe, mich im Seminar zu beteiligen. Denen wollte ich schon immer sagen, dass ich mich mündlich einfach nicht vor einer größeren Menschenmenge äußern kann.
Viele Menschen denken auch, dass ich unfreundlich bin und denen wollte ich gerne sagen, dass ich das oft aus Energiespargründen und nicht mit Absicht mache. Es sieht dann aber so aus, als hätte ich gar kein Interesse daran mit Menschen in Kontakt zu treten oder da zu sein, wo ich bin.
Gibt es abschließend noch etwas, dass Du Lehrenden mitgeben wollen würdest?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Lehrende zwar häufig darauf eingehen, dass Studierende auch Eltern sind oder Angehörige pflegen aber nur sehr, sehr selten darauf, dass Studierende eine Behinderung, chronische oder psychische Erkrankung haben. Ich fühle mich da oft nicht gesehen. Kürzlich habe ich beispielsweise ein Seminar besucht, in dem das Thema Holocaust aufgegriffen wurde. Hierbei wurde eine der Personengruppen, die mit als Erstes in Konzentrationslager gebracht wurden – Menschen mit Behinderung – nicht erwähnt. Bei einer anderen Aufzählung in Bezug auf Feindlichkeiten wurden Homofeindlichkeit, Sexismus sowie Rassismus aufgezählt – Ableismus hingegen wurde ausgelassen. Da fühle ich mich als Betroffene einfach oft unsichtbar mit meinen Problemen.
Eine andere Sache in der ich mich auch oft nicht gesehen und dann dadurch benachteiligt fühle ist, dass Lehrende Behinderung noch immer oft an äußeren Merkmalen festmachen und ich anscheinend nicht so aussehe, als hätte ich eine Behinderung. Das macht es für mich dann noch schwieriger damit umzugehen beziehungsweise das zu kommunizieren. Weil wenn ich mich mal überwinde und sage, dass ich eine Behinderung habe, kommt sowas wie: „Du siehst gar nicht so aus“ oder „Das hätte ich bei dir nicht gedacht“. Das finde ich insbesondere in einem sozialen Studiengang überhaupt nicht angebracht.
Danke!
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