3. Individuelles/Medizinisches Modell
Inhalt: Behinderung als individuelles Defizit, Ursprung und Entstehung, Expert*innenorientierung.
Das individuelle oder medizinische Modell verortet Behinderung primär im Körper oder in der Psyche der einzelnen Person. Behinderung wird als individuelles „Problem“ und als Folge einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsabweichung verstanden, die diagnostiziert, behandelt oder überwunden werden soll. Menschen mit Behinderungen erscheinen vor allem als Patient*innen und ihre Behinderung wird mit Vorstellungen von Leid verknüpft. Zentrale Kategorien sind Defizit, Einschränkung und Normalabweichung. Soziale Einflüsse sowie umwelt- und strukturelle Barrieren bleiben in diesem Verständnis unberücksichtigt oder erscheinen lediglich als Rahmen für individuelle Rehabilitation.
Historisch ist dieses Modell eng mit der Entwicklung moderner Medizin, Psychiatrie und Rehabilitationswissenschaften verbunden und prägt beispielsweise die erste von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene Behinderungsklassifikation, die International Classification of Impairments, Disabilities, and Handicaps (ICIDH) von 1980 (Hirschberg, 2022, S. 95; Egen & Waldhoff, 2023, S. 194). Es geht mit einer starken Expert*innenorientierung einher, bei der Fachpersonen definieren, was als Beeinträchtigung gilt und welche Maßnahmen erforderlich sind.
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